Von der Pflicht, das zu tun, was man liebt

Erwin Lasslesberger im Gespräch mit dem Langstreckenpilger Ernst Merkinger

Ernst Merkinger, geb. 1990, ist der Faszination des Pilgerns erlegen.

2016 ging er am Jakobsweg von Pamplona über Santiago de Compostela bis Finisterre, ein Jahr später wanderte er in viereinhalb Monaten von Wien nach Marrakesch. Seine Reisen dokumentiert er im Internet über seinen Blog ernstjetzt.com. Auf Instagram hat er an die 10.000 Abonnentinnen, und über einen Spendenaufruf hat er seine Reisen finanziert.

Was fasziniert Sie so am Pilgern?

Es ist das Gehen an sich, das für mich zu einem kontemplativen Akt wird. Im Gehen kommen mir Ge(h)-danken, solche, die im schnelllebigen und reizüberfluteten Alltagsleben kaum Platz haben. Im Gehen kann ich mich auf das Tempo meiner Seele einstellen und den Gedanken leichter auf den Grund gehen.

Ist es auch eine Flucht, ein Davongehen?

Im Gegenteil, es ist mein Weg, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe mich entschieden, welches Leben ich leben will, und weiß, dass die beschleunigte Version des Lebens für mich nicht das Richtige ist. Meine Generation ist ja heute in einer privilegierten Situation, wir können uns für das entscheiden, was wir lieben. „Liebe und tue was du willst“, dieses Wort von Augustinus von Hippo hat mich bewegt, diesen Weg zu gehen. Ich sehe es geradezu als Pflicht an, mich dem hinzugeben, was meinem Wesen entspricht.

Haben Menschen, die täglich ihrer Erwerbsarbeit nachgehen, dafür Verständnis?

Wenn sie es nicht haben, ist das verständlich und aus ihrer Sicht berechtigt. Ich für meinen Teil möchte mir nicht vorwerfen, dass ich mein Leben geschwänzt habe. Ich bin mit meinem Leben im Reinen und könnte mir es nicht vorstellen, einen „normalen“ Job zu machen. Manchmal wünsche ich mir das, weil es der leichtere Weg wäre, aber es ist einfach nicht meines.

Wie haben Sie ihre Pilgerreise finanziert?

2016 hatte ich bereits eine Pilgerreise über 800km hinter mich gebracht, die mich inspiriert hat. Nach meiner Rückkehr von meiner Marokko- Reise 2016 haben mir meine Großeltern 8mm Filmaufnahmen gezeigt, die sie in den 1970er-Jahren in Marokko gemacht haben. So ist schnell die Idee entstanden, nach Marrakesch zu gehen. Aber zunächst war es eine verrückte Idee, und an eine Umsetzung war nicht zu denken. Ich war arbeitslos und hatte zu wenig Geld für ein derartiges Projekt. Aber dann habe ich begonnen, im Internet Unterstützung einzuholen und habe eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Damit konnte ich mir tatsächlich das Pilgerleben finanzieren.

Wie wichtig sind die Begegnungen?

Gehen ist die einzige Form der Fortbewegung, die dem Menschen wirklich entspricht. Da ist „BeGEHgnung“ noch möglich, da öffnen sich die Gartentore und die Haustüren, und die Menschen teilen bewegende und intime Geschichten mit mir.

Sie planen auch ein Buch?

Ja, es wird den Titel „Mein Leben ist eine Pilgerreise – zu Fuß nach Marrakesch“ tragen und im Oktober erscheinen. Im Buch, in meinen Vorträgen und mit meinem Internetauftritt erzähle ich von meinen Wahrnehmungen, von kuriosen Begegnungen und erheiternden Erfahrungen – mit Schmäh und Tiefgang.

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