Verschüttete Liebe flammt auf

Erwin Lasslesberger im Gespräch mit der Imago-Therapeutin Dr. Regina Farias und dem charisma-Referenten und Imago-Therapeuten Mag. Erwin Jäggle

Lasslesberger: Die Menschen scheinen immer mehr von ihren Beziehungen, ihren PartnerInnen zu erwarten.

Dr. Farias: Wir leben in einer Zeit, in der es immer mehr von allem gibt, ein ständiges Mehr an Möglichkeiten.

Das führt auch zu einer großen Überforderung, zu einer dauernden Suche nach der besseren Alternative. Dabei glaubt man, man müsse nur den richtigen Partner, die richtige Partnerin finden, und wenn die Beziehung nicht klappt, dann liegt es am anderen. Doch es liegt nicht am anderen, es liegt an einem selbst, den eigenen Überzeugungen und antrainierten Erwartungen. Daran knüpfen wir in den Imago-Workshops an.

Mag. Jäggle: Partnerschaften haben sich stark verändert. War es früher eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit, einen Partner zu haben, so ist das heute nicht mehr der Fall. Partner müssen füreinander attraktiv bleiben. Wenn keine emotionale Bindung mehr da ist, hält die Beiden nichts mehr zusammen. Da setzt das Imago-Modell ein und versucht, einen sicheren Kommunikationsrahmen zu bieten.

Lasslesberger: Woher kommt eigentlich der Begriff „Imago“?

Dr. Farias: Imago steht für das innere Bild, das man sich von der Mutter, dem Vater oder einer anderen ersten Bezugsperson macht und das ganz unbewusst auf andere Menschen projeziert wird. Dieses Imago, dieses Bild suchen wir immer wieder unbewusst in unseren Partnern. Wir Imago-TherapeutInnen versuchen dies aufzudecken, damit klar wird: das betrifft meinen Vater/meine Mutter; du bist meine Partner, meine Partnerin, du bist jemand anderer und ich darf dich nicht für diesen alten Schmerz verantwortlich machen.

Mag. Jäggle: Wenn wir das nicht wissen, verhalten wir uns unserem Partner gegenüber unbewusst anklagend und geraten in einen Machtkampf. Deshalb ist eine Differenzierung notwendig, damit wir lernen, gegen den inneren Antrieb zu handeln.

Lasslesberger: Es kann also sein, dass da ein innerer Groll da ist, der mitbestimmt, welchen Partner, welche Partnerin ich aussuche?

Mag. Jäggle: Oft wird unbewusst der ausgewählt, der den Strukturen der Eltern gleichkommt – und mit dem man dann die alten Verletzungen und Enttäuschungen wieder erlebt. Insofern richten sich Vorwürfe an den Partner/die Partnerin wie „Du hörst mir ja nicht zu“, „Dir bin ich nicht wichtig“ oder „Du hast mich nicht lieb“ eigentlich an den Vater, die Mutter oder eine andere Bezugsperson aus der Kindheit. Der Partner ist daher gar nicht in der Lage, den Vorwurf durch sein Verhalten – z.B. besonders aufmerksames Zuhören – zu entkräften, denn er ist ja nicht wirklich gemeint.

Dr. Farias: Im Imago-Dialog kann dieser Zusammenhang aufgedeckt werden, in dem die Erkenntnis wächst: Meine Kritik an dir hat mehr mit mir zu tun als mit dir, aber im Dialog hilfst du mir, das aufzulösen.

Lasslesberger: Wie geht das konkret?

Mag. Jäggle: Der Paar-Dialog schaut so aus, dass die Paare einander gegenüber sitzen, einander anschauen und nur wiederholen, was der andere gesagt hat – ohne Kommentar, ohne Vorwürfe, ohne Rechtfertigungen.

Dr. Farias: So öffnet sich für den Partner, die Partnerin ein Raum, in dem er/sie Emotionen äußern kann, und keine Angst haben muss, angegriffen und verletzt zu werden.

Mag. Jäggle: Es geht darum, den anderen als Person gelten zu lassen und spannungsfrei mit unterschiedlichen Sichtweisen umzugehen.

Lasslesberger: Im Streit, wenn Wut und Zorn im Spiel sind, geht es meist nicht ohne Vorwürfe und Angriffe, oder?

Dr. Farias: Das stimmt, da muss man abwarten, und später mit dem Partner noch einmal darüber reden.

Mag. Jäggle: Es geht vor allem auch darum, unsere Wut und Ablehnung auf die Sache oder Meinung zu richten, und nicht auf die Person, die dieser Meinung ist. Es macht einen Unterschied, zu sagen „Deine Meinung ist falsch“ oder „Du bist falsch“.

Lasslesberger: Fällt es Frauen leichter, zu einer wertschätzenden Kommunikation zu finden?
Dr. Farias: Frauen haben seit langem gelernt, auszugleichen, zu integrieren und zusammenzuhalten, während in der Rolle des Mannes eher das Vorpreschende war. Doch das Rollenbild des Mannes ändert sich stark, jungen Männern wird Beziehung wichtiger, und sie dürfen von ihrem Selbstverständnis her ruhiger und sensibler sein.

Lasslesberger: Sie bieten ja auch ein Seminar für Generationenpaare an: für Väter und ihre erwachsenen bzw. Mütter und ihre erwachsenen Töchter. Gibt es in diesen Beziehungen auch diese Falle?

Dr. Farias: Ja, die gibt es eigentlich in jeder Zweierbeziehung, auch zwischen den Generationen. Und das hat Auswirkungen: solange ein Vater-Sohn-Konflikt nicht aufgearbeitet wird, wird dieser Konflikt auch die Paarbeziehung des Sohnes beeinflussen.

Mag. Jäggle: Im Dialog ist diese Aufarbeitung möglich: die erwachsene Tochter kann der Mutter etwas über ihre Kindheit sagen, wovon diese nichts weiß. Und der Sohn erfährt etwas über die Lebensumstände des Vaters, der Eltern.

Dr. Farias: Dieses Aufarbeiten ist nicht immer einfach, manchmal auch schmerzhaft. Es kommt auch niemand aus akademischen Interesse zu uns, jede und jeder hat seine Erfahrungen und sein Leid. Aber oft ist diese Auseinandersetzung sehr heilsam: Verschüttete Liebe flammt auf und wird wieder lebendig.

 

Aus dem Lexikon der Psychologie:

Imago, in der Psychoanalyse das Vorstellungsbild wichtiger Bezugspersonen der Kindheit: Mutter-Imago, Vater-Imago. Von C. G. Jung geprägter Begriff für die idealisierte Vorstellung einer im Kindesalter bevorzugten Person, die für künftiges Verhalten ein Leitbild abgibt.

 

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