Unterwegs zur Hauptpost in Kaunas

Der Weg zum Hauptpostamt in Kaunas führt durch die Freiheitsallee, ein schnurgerader, fast 2 km langer Boulevard, vermutlich entstanden in den 1930iger Jahren, als Kaunas die Hauptstadt Litauens war, weil Vilnius von den Polen besetzt war.

Dementsprechend ist auch das Postgebäude ein monumentaler Kasten im Stil der Zwischenkriegszeit, eine Hauptpoststelle für das ganze Land. An diesem sonnigen Montagmorgen, an dem wir zur Post unterwegs sind, sind wir fast am Ende unserer einwöchigen Reise durch Litauern und Lettland. Riga hatte uns besonders gefallen, die Stadt am breiten Fluss Draugava, mit der Altstadt, den gotischen Kirchen und Türmen, dem großzügigen Grüngürtel mit dem idyllischen Stadtkanal, dem Jugendstilviertel, in dem sich auch unser Hotel befand.  In Kaunas hatte unsere Rundreise begonnen, weil ich für unseren Reisetermin einen günstigen Direktflug gefunden hatte. Daher endete die Fahrt eine Woche später wieder hier. Von Vilnius kommend, waren wir am Vortrag in Trakai, der malerischen Burg, gewesen und von dort nach Kaunas gefahren, wo wir den Abend verbracht und übernachtet hatten.

Meine Frau wollte eigentlich nichts wissen von diesem morgendlichen Weg, der nur dazu diente, Briefmarken zu kaufen, um die sechs Ansichtskarten, die wir im Laufe der Reise geschrieben hatten, vor dem Heimflug doch noch aufzugeben. Doch ich befürchtete, viel zu früh auf den Flughafen zu kommen, und ließ mich von dieser Art morgendlichen Zeitvertreibs nicht abbringen. Schließlich war der Flug um 13.40 Uhr angesetzt, und auch wenn der Weg zum Flughafen erst gefunden, das Mietauto noch betankt und zurückgegeben werden musste, war es meiner Meinung nach nicht notwendig, nach dem Frühstück um 9 Uhr schon zum Flughafen zu fahren. Da kam mir der Weg zur Post gerade recht.

So betraten wir die riesige Schalterhalle, und mussten beim Automaten eine Nummer ziehen. Wir hatten Nummer 101 für den Schalter 22, und anders als am Postamt in St. Pölten, wo die Aufgabe eines Briefes nicht ohne einer mindestens fünfzehnminütigen Anstellerei möglich ist, kamen wir sofort dran. Die Angestellte fischte schöne Marken aus dem Ordner, die gleiche Mappe mit nach Höhe des Wertes geordneten Seiten, die die Postangestellten früher auch bei uns verwendeten. Zum Ankleben der Marken gab es nicht die Tasse mit dem Schwämmchen, sondern einen Klebestift – „Please return“ sagte die Frau am Schalter.

Zurück im Hotel, luden wir unser Gepäck in den Mietwagen, und als ich schon starten wollte, bemerkte ich das Fehlen meiner Sonnenbrille. Nach Durchsuchen meines Rucksackes ging ich nochmals auf das Zimmer, doch die Brille, eine optische, die ich mir erst vor zwei Jahren hatte anfertigen lassen, war nicht da – ich musste sie woanders verloren haben. Beim Zurückfahren aus dem Parkplatz des Hotels stand jetzt allerdings ein Auto im Hof, das vorhin noch nicht da gewesen war, und  an dem ich – mit Blick in den Seitenspiegel – ganz knapp vorbeisteuerte. Zu knapp, um nicht beim Rausfahren durch das Einschlagen nach rechts mit der hinteren Tür an der Stoßstange des doch sehr unpassend abgestellten Wagens zu streifen. „Na super“, sagte meine Frau, und ich besah mir den Schaden – ein paar kleine, fast nicht sichtbare Streifen an der Stoßstange des anderen Wagens, eine paar deutlich erkennbare Kratzer an unserem Auto. In stummen Einverständnis stiegen wir ein und verließen den Parkplatz. Am Weg zum Flughafen überdachten wir die Konsequenzen. „Das ganze Areal ist videoüberwacht“, erinnerte sich meine Frau. „Wenn sie den Vorfall gesehen und aufgezeichnet haben, werden sie uns am Flughafen wegen Fahrerflucht verhaften.“ – „Nicht schon wieder unter Polizeigewahrsam am Flughafen festsitzen“, dachte ich. Ich sagte: „Wir werden bei der Rückgabe des Mietwagens auf den Parkschaden hinweisen, aber erklären, dass wir nicht wissen, wann und wo es passiert ist!“ Kein Wunder, dass meine morgendliche Gelassenheit sich in einen gewissen Missmut verwandelte und wir die Fahrt zum Flughafen durchaus angespannt zurücklegten. Gott sei Dank enthielt sich meine Frau aller kritischen Bemerkungen, sie sagte nichts von wegen unnötiger Zeitverschwendung durch den Weg zur Post, der sich nun rächte, sondern pflichtete mir solidarisch bei, dass der andere Wagen äußerst ungünstig und zudem keiner Parkordnung entsprechend abgestellt war.

Erstaunlicher Weise interessierte den Mann beim Autoverleih der Vorfall überhaupt nicht. Er nahm meinen Hinweis auf einen Parkschaden unbekannter Herkunft ungerührt zur Kenntnis, warf einen Blick auf die Kratzer, machte ein Foto mit seinem Handy, und wünschte uns eine gute Heimreise.

Wir waren immer noch um Stunden zu früh. Immerhin erschienen keine Polizisten, um uns zu verhaften oder an der Ausreise zu hindern, wir landeten pünktlich in Wien.

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