Der Geschmack des Lebens

Gespräch mit Arnold Mettnitzer anlässlich der kbw-Jahrestagung am 22. April 2017 in St. Pölten

 Wie uns das Leben schmeckt, wie es sich anfühlt, welche Lebensmelodie uns im Ohr klingt – die Sinneserlebnisse sind es, die uns erfüllen, und so zum Sinn des Lebens werden. Davon ist Prof. Dr. Arnold Mettnitzer, der Hauptreferent bei der Jahrestagung des kbw am 22. April, zutiefst überzeugt. Mit dem Theologen, Therapeuten, Autor und Journalisten sprach Erwin Lasslesberger.

Lasslesberger: Wir leben in einer Zeit großer materieller Sicherheit, dennoch ist das Thema „Lebenssinn“ für viele Menschen heute sehr brisant. Warum ist das so?
Mettnitzer: Materielle Sicherheit und „Innerer Halt“ sind nicht unbedingt deckungsgleich. Sehr oft sogar hat das eine recht wenig mit dem anderen zu tun. Die brisante Frage nach dem „Lebenssinn“ ist aus meiner Sicht zuallererst eine Frage nach der „inneren Balance“ eines Menschen.

Diese Balance scheinen viele aus vielerlei Gründen verloren zu haben. Ich zähle mich nicht zu den Pessimisten wenn ich behaupte, dass der sinnstiftende „Trialog“ zwischen Mensch, Gott und Welt in eine bemerkenswerte Schieflage geraten ist. Das meint wohl auch Sigmund Freud, wenn er vermutet, dass ein Mensch in dem Moment „krank“ ist, in dem er „nach Sinn und Wert des Lebens fragt“. Was Freud damit meint, ist, dass der Mensch, solange er im inneren Gleichgewicht ist, solange er mit sich, mit Gott und der Welt im Einklang lebt, die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht stellt.

Lasslesberger: Aber wie kommen wir in dieses innere Gleichgewicht?

Mettnitzer: Diesen Einklang, diese unsere innere Ausgeglichenheit, wir können es auch „geglücktes Leben“ nennen, erleben wir unmittelbar, wenn wir Kindern beim Leben zuschauen. Auch dort steht nicht die Sinnfrage im Vordergrund, sondern Neugier, Begeisterung und Lebensfreude. Und diese Kinder, die wir alle einmal waren, kommen nicht als unbeschriebenes Blatt, als „tabula rasa“ auf die Welt. Alles, was später aus ihnen wird, ist bereits im Moment ihrer Geburt in ihnen als Potential angelegt. Alles, was dann das Kind prägt, die Umwelt, die Menschen, die Natur, kommt über die fünf Sinne in dieses Kind hinein. Aus dem Gebrauch unserer Sinne erleben wir so Sinnerfüllung. Das zeigt sich u.a. daran, dass ein gesundes Kind sich 30 – 50 Mal am Tag für eine Sache restlos zu begeistern weiß. Nur eine solche kindliche Großherzigkeit ist in der Lage, sich den Himmel als Inbegriff aller Sinnhaftigkeit vorstellen zu können, wie uns schon der Wandersmann aus Nazareth zu vermitteln versuchte.

 Lasslesberger: was heißt das für Sie als Psychotherapeut?

Mettnitzer: Für mich bedeutet das, einem Menschen, dem das Lachen vergangen, der Glanz aus den Augen verschwunden und der Sinn im Leben abhandengekommen ist, zu helfen, wieder dorthin zu finden, wo er als Kind schon war. Dabei geht es darum, wieder Anschluss zu finden an die verloren gegangene Begeisterung, die er als Kinder (noch) hatte. Für diese „Rückbindung“ an den Wurzelbereich alles Lebendigen steht im Lateinischen das Wort „religio“. Sinn und oberste Aufgabe aller Therapie verstanden als „religio“ wäre es also, einem Menschen dabei behilflich zu sein, wieder in die Kraft zu kommen, wieder dorthin zu finden, wo er als Kind in all seiner Begeisterungsfähigkeit schon war.

Lasslesberger: Wir sind aber nicht ein Leben lang Kinder – wir werden erwachsen.

 Mettnitzer: Das ist ja gerade das Problem! Vielen Menschen werden von der Gesellschaft viel zu früh Bedürfnisse übergestülpt. Und so hört ein Mensch in der Regel auch viel zu früh auf stolz und selbstbewusst „Ich bin“ zu sagen und viel zu früh „Ich sollte sein!“ zu denken.

Dabei verliert er gerade das aus den Augen, was ihn unverwechselbar und einzigartig macht. Es gilt, sich als Erwachsener die Begeisterungsfähigkeit des Kindes zu erhalten! Je mehr ihm das gelingt, desto weniger wird auf ihn zutreffen, was Blaise Pascal im Blick auf seine Zeitgenossen vermutet: „Alle Menschen werden als Originale geboren, die Mehrzahl von ihnen wird als billige Kopie zu Grabe getragen!“

Lasslesberger: Unser Erwachsenenleben besteht allerdings nicht nur in der kindlichen Unmittelbarkeit: Wir planen voraus, überlegen, erinnern uns!

Mettnitzer: Aber immer geht es darum, Dinge mit Begeisterung zu tun! Die Hirnforschung sagt dazu, dass selbst ein Nobelpreisträger sein Potential nur zu einem Bruchteil ausschöpft. Von der Wiege bis zur Bahre gilt: Es steckt mehr im Menschen als er in seinem Leben bisher zu nutzen wusste. Und bis ins hohe Alter können sich ihm neue Horizonte eröffnen, vorausgesetzt es gibt etwas, wofür er sich restlos begeistern kann. Auch ein 85jähriger kann noch chinesisch lernen – aber sicher nicht einfach so, da müsste er sich z.B. in eine 65jährige Chinesin verlieben und mit ihr nach China ziehen. Das gelingt ihm, wenn er sich mit Haut & Haaren, mit Leib & Seele begeistert und alle seine Sinne darauf richtet, in seinem Leben noch einmal etwas Einzigartiges, so noch nie Dagewesenes zu tun. Jeder Mensch hat eine unstillbare Sehnsucht nach Original und Premiere. Etwas ohne das Feuer der Begeisterung nur aus Gründen der Wiederholung zu wiederholen, wird schnell langweilig. Und wenn wir Pech haben, wird aus dieser Langeweile eine lange Weile, die wir dann stolz Tradition nennen. Davon allein aber kann kein Mensch leben!

 Lasslesberger: Warum ist dieses Wissen so verschüttet?

 Mettnitzer: Weil es natürlich auch unbequem und anstrengend ist! Immer neu zu beginnen ist zwar oft reizvoll, aber es erfordert auch die innere Bereitschaft, die so mühsam aufgebaute persönliche Komfortzone wieder zu verlassen. Das menschliche Gehirn ist ein hochkomplexes Organ, rege und träge zugleich. Wo kein inneres Feuer, wo keine Begeisterung, da wird auf Sparflamme geschaltet, aus der Flamme der Begeisterung wird so lähmender Verwaltungsgeist.

Lasslesberger: Dieses Schöpfen aus allen Sinnen, ist das ein „im-flow-sein“?

 Mettnitzer: Ja genau, es geht darum, immer wieder in den Sog der Begeisterung zu geraten, so intensiv im Tun aufzugehen, dass wir davon immer wieder, aber vor allem ungeplant und unvermutet „ganz weg“ sind. Das ist es, wovon wir schwärmen, wenn wir sagen: „Stell dir vor, was mir heute passiert ist…“

 Lasslesberger: Das hingebungsvolle Tun einer Sache, ob es jetzt Singen, Tanzen, Beten, Meditieren oder Schreiben ist, ist bei den charisma-Seminarbesuchern immer mehr gefragt.

 Mettnitzer: Ja, gemeinsames Tun ermöglicht Ko-kreativität, und die unterscheidet sich grundsätzlich von Kooperation. Kooperation hat allzu oft nur den persönlichen Vorteil im Blick. Ko-kreativität dagegen funktioniert durch die Erfahrung, dass das Gemeinsame weit mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Wer schon einmal im Chor gesungen hat weiß, wie gut gemeinsames Singen tut. Es ist darauf ausgerichtet, etwas zu entdecken und es am eigenen Leib mit allen Sinnen zu erleben.

Lasslesberger: Welche Rolle spielt der Glaube? Hat glauben Sinn?

Mettnitzer: Ein starker Glaube ist nichts anderes als die persönliche Erfahrung von Geborgenheit. Es ist die Erfahrung, nicht alles alleine machen zu müssen, sich jemanden anzuvertrauen, sich fallen lassen zu können und mit dem Herzen die DANKBARKEIT als Grundresonanz des eigenen Lebens zu entdecken. Deshalb ist jede Glaubenserfahrung gemeinschaftsstiftend, im Grunde eine Pfingsterfahrung, die uns darüber staunen lässt, wozu Menschen gemeinsam fähig sind.

Lasslesberger: Wir leben in einer sehr künstlichen Welt. Naturerlebnis wird zum Blick aus dem Fenster – oder auf den Bildschirm des Smartphones, um zu wissen, ob es draußen kalt ist. Welche Rolle spielt das in der Sinndebatte?

Mettnitzer: Es ist tatsächlich sinnstiftend, wenn wir immer wieder aus dem toten Winkel unserer blindgewordenen Betriebsamkeit ausbrechen und uns in die Natur begeben. Hinauszugehen in die Natur, mit allen Sinnen dabei die vier Elemente Wasser, Luft, Erde und Sonne zu meditieren, führt mich persönlich zu den stärksten und überzeugendsten Gottesbildern, die keiner hohen Theologie mehr bedürfen.

Lasslesberger: Wie weit können wir als Katholische Bildungseinrichtung Sinn stiften?

Mettnitzer: Im Wort Bildung steckt das Bild. Und eine Bildungseinrichtung wird dann wirksam werden und bleiben, wenn sie in den Menschen Bilder erzeugt, die so einprägsam sind, dass sich die Menschen in diesen Bildern wiederfinden und erkennen können. Wenn es gelingt, im Kopf und im Herzen eines Menschen einen Film anzustoßen, der den Eindruck auslöst: „Der meint ja mich, der erzählt von mir“, dann ist Bildung auf dem richtigen Weg.

 

 

 

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