Abenteuer in Marrakesch

Ist es ein Reiseabenteuer, einen Tag und eine Nacht auf dem Flughafen in Marrakesch festzusitzen? – Sitzen im wahrsten Sinn des Wortes, auf roten Plastiksesseln, die Sitze abgeteilt durch Armlehnen aus Stahl, die ein bequemes Aufstützen ebenso ermöglichen, wie sie verhindern, dass man sich hinlegen kann.

Ist es ein Abenteuer, wenn der Grund so banal ist? – Ein abgelaufener Reisepass, im letzten Moment vom Polizisten erkannt. Das Ablaufdatum ist der letzte Eintrag, den er sich ansieht, nachdem er schon den Einreisestempel aufs Papier gedrückt hat.

Was für ein Abenteuer, wenn dann der Polizist einen anderen Polizisten zu Rate zieht, wenn dieser den nächsten, nächsthöheren wahrscheinlich, und alle den Kopf schütteln und erklären, dass eine Einreise nur mit gültigem Pass möglich ist. Der ebenfalls mitgeführte Personalausweis ist eben kein Pass, und abgelaufen ist ungültig.

Mit demselben Flieger zurück, erklärt mir einer der Polizisten, schnell hinaus aufs Rollfeld, ein schneller Abschied von meiner Frau, die ja mit meiner Schwester und dem Schwager einreisen durfte und jetzt den Transitbereich verlassen muss – sie ist ja schon eingereist.

Am sonnenheißen Rollfeld dann rasch abgestoppt von einem Flughafenmitarbeiter in gelber Jacke, zu spät, kein Hineinkommen mehr in die Maschine.

Wieder auf dem roten Sessel, unmittelbar neben den Polizeibüros mit Blick in die große, lichtdurchflutete Ankunftshalle und die schubweise ankommenden, vorbeiströmenden, sich bei der Polizeikontrolle anstellenden Reisenden und auf die Glas-Stahlkonstruktion mit den weiß gestrichenen, mächtigen Stahlträgern.

Ist es ein Abenteuer, wenn die Frau vom Reisebüro in ihrem schwäbischen Deutsch erklärt, dass es ihr sehr leid tue, es aber doch eine ziemliche Dummheit sei, mit einem abgelaufenen Pass nach Marokko zu reisen, ein Land, das eben nicht in Europa sei, aber auf die Sicherheit besonders bedacht, weshalb es verständlich sei, dass sie ihre Vorschriften genau nehmen, zumal die EU ebenfalls die Einreisemöglichkeiten erschwert habe und daher usw. – die typisch deutsche, nervende Belehrung, die mich zuerst verblüffte, dann ärgerte und schließlich amüsierte. So typisch deutsch war das aber gar nicht, denn Ähnliches hörte ich von der Mitarbeiterin der österreichischen Botschaft, die sich unter der Notrufnummer meldete.

Zwischen den Telefonaten waren lange Wartezeiten, ein vergeblicher Versuch, für den morgigen Tag ein Ticket zu kaufen, egal, wohin, nach Lissabon, Madrid oder Frankfurt. Ja, das hätte noch etwas von einem Abenteuer, nach Lissabon zu reisen, völlig ungeplant, dort einen oder zwei Tage zu bleiben und einen günstigen Flug nach Wien zu suchen. Mir wurde ein Ticket über Casablanca nach Lissabon angeboten, aber der Polizist meinte, das ginge nicht. Schließlich ging er mit mir zurück und wies mich an, wieder auf einem der roten Sessel Platz zu nehmen. Woran der Ticketkauf endgültig gescheitert war, blieb rätselhaft für mich. Noch ein zweites Mal schaffte ich den Weg von der Ankunfts- in die Abflughalle. Mehrmals hatte ich reklamiert, dass ich etwas zu essen und zu trinken benötigen würde, und so durfte ich – von einem anderen Polizisten begleitet – bei einem Imbissstand einkaufen. Oft saß ich, von Polizisten umgeben, auf dem Sessel, denn abends wurden die Ankünfte seltener. Zeitweise war die Halle leer, und bis zur Ankunft der nächsten Ladung vertreiben sich die Polizisten die Zeit, indem sie tratschten und dabei auf ihre Smartphones starrten.

Abenteuerlich ist es schon, so in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein – und auf das Handy angewiesen, dessen Akku immer schwächer wurde. Ich musste die Polizisten bitten, das Gerät zum Laden in ihren Büros anstecken zu dürfen. Passend dazu, las ich Houellebecqus „Unterwerfung“. Das Buch hatte ich in Wien am Flughafen gekauft und festgestellt, dass es eine brillante Politsatire war, so nah am Geschehen, so einleuchtend, so beängstigend und unterhaltsam zugleich. Es ist ja tatsächlich so, dass die liberalen Parteien-Demokratien immer schneller wegrutschen, abgehen wie Schneebretter, vieles verschütten und ganz andere untergründig wirkende Kräfte sichtbar werden lassen.

Schließlich landete ich gegen Mitternacht in einem kahlen Zimmer mit zwei Sesseln und zwei Bettgestellen. Eines davon war mit Matratze und einem wenig sauberen Bettbezug ausgestattet. Es gab eine Waschgelegenheit und eine saubere Toilette, aber keine Steckdose. Ich konnte weder das Handy noch das iPad aufladen. Um Strom zu sparen schaltete ich das Handy ab und stellte auf dem iPad den Wecker. Am Morgen hatte das Handy noch etwas Strom, genug Ladung für ein paar Telefonate, doch beim Einschalten vergeigte ich die erste Pin-Eingabe und wurde nervös. Bewusst zu überlegen, was nun die richtige Ziffernfolge sei, das bedeutet meist ein gedankliches Fiasko. Doch ich schaffte den Pin beim zweiten Anlauf. Ins W-Lan des Flughafens konnte ich mich nicht mehr einloggen, erst in zwei Tagen wieder, wenn ich den Hinweis in französischer Sprache richtig verstand.

Meine Nichte, die Vielfliegerin, hatte es in der Zwischenzeit geschafft, im Internet ein Ticket für mich für einen Rückflug nach Wien zu kaufen. Sie gab mir die Buchungsdaten per SMS durch. So begann der zweite Tag hoffnungsvoll, zumal die Morgensonne das Flugfeld und die Umgebung hell strahlen ließ. Leider hatte ich keine Möglichkeit auf einen Blick auf den schneebedeckten Hohen Atlas, der war auf der anderen Seite des Gebäudes. Gegen Mittag dieses Tages – meine Frau, meine Schwester und mein Schwager besuchten den Heller’schen Zaubergarten – packte mich die Nervosität. Schon am Morgen hatte ich der Flughafen-Mitarbeiterin, die mir einen Milchkaffee und ein Hörnchen brachte, gesagt, ich hätte ein Ticket nach Wien und würde damit heimfliegen. Sie wies mich an, sitzen zu bleiben, versprach, wieder zu kommen, und verschwand. Das war dreieinhalb Stunden her, es ging gegen Mittag und ich hatte aufgeschnappt, der Flug ginge um 12 Uhr. Meine zunehmend dringlichen Anfragen im Polizeibüro brachten nur eine Antwort: „Wir wissen Bescheid, bitte warten Sie!“ Das tat ich nun bald 24 Stunden und wollte es keinesfalls weitere 24 Stunden tun. Ein Rückruf bei meiner Nichte brachte Entwarnung. Abflugzeit war 15 Uhr, nicht 12 Uhr. So begann ich, diese Abenteuergeschichte zu schreiben, bis ein grinsender Polizist mit meinem Pass in der Hand auf mich zutrat und mir die Bordkarte zeigte. Wenig später begleitete er mich vom Ankunftsbereich in die Abflughalle zum Gate – und ich war frei, konnte mich frei bewegen, ohne Polizeibegleitung ein Weckerl und ein Cola kaufen. Die Abflughalle schien mir sehr hell, freundlich und architektonisch gelungen. Ich trank einen Espresso, telefonierte, hörte den Schwalben zu, die durch die hohe Halle zwitscherten, und freute mich auf den Rückflug.

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