Die Natur ist nie eindeutig

Der Feminismus steht im Flur und beklagt lautstark die geschlossenen Türen. Ungerührt geht die moderne Frau vorbei, und macht sich selbst die Tür auf – das Bild, dass die „Welt“ Redakteurin Ronja von Rönne, in viele flotte Sprüche verpackt, vor einiger Zeit beschrieb, konnte nicht eindeutiger sein: Frau von heute braucht den „überkommenen“ Fenminismus nicht mehr.

Klar schlug das Wellen, und der Applaus kam vor allem von denen, denen Gleichberechtigung schon immer im Dorn im Auge war. So kam es, dass die Autorin sogleich einen Preis für ihren Artikel bekam, und dass sie diesen Preis ausschlug. Was sie geliefert habe, seien ja keine Argumente, sondern Haltungen, ruderte sie zurück.

Seriöse Wissenschaftler halten die Genderdebatte keineswegs für abgeschlossen oder veraltet. Noch immer gibt es die Meinung, dass die Biologie jedem Menschen eine eindeutige Rolle als Mann oder Frau zuschreibe. Gender, so wird auch in manchen kirchlichen Kreisen argumentiert, sei reine Ideologie.

Gender ist keine Ideologie

Für Geschlechterforscher Erich Lehner ist das wissenschaftlich nicht haltbar. Denn „die Natur ist nie eindeutig“, sagte er beim Vortrag „Genderlust – Genderfrust!?“ am 6. Mai im Hippolythaus. „Daher ist auch die Frage, was natürlich ist, nicht zu beantworten.“ Zwar sei das biologische Geschlecht bei einem Großteil der Menschen eindeutig, aber eben nicht bei allen. Darüber hinaus spiele die Biologie eine recht untergeordnete Rolle für die geschlechtsspezifische Rolle, die ein Mensch annimmt. „Sie ist nur einer von vielen Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen“, sagt Lehner. Am Beispiel Aggression zeige sich, so Lehner, dass aggressives Verhalten bei Männern und Frauen in erster Linie von der jeweiligen Situation abhängig sei und weniger vom Geschlecht.

Geschlechterrollen sind sozial konstruiert

Lehner wies darauf hin, dass Geschlechterrollen sozial konstruiert seien. Dabei spielten die gesellschaftlichen Verhältnisse eine große Rolle. Eine „geschlechtsneutrale“ Erziehung der Kinder scheitere nicht an den Eltern, die sich darum bemühten, sondern an den vielen anderen Rollenvorbildern, die Kinder von klein auf sehr genau beobachteten.

Männer sieht Lehner nicht auf der individuellen Ebene in der machtvolleren Position, sondern auf der gesellschaftlichen. Wolle man also Änderungen im Geschlechterverhältnis, brauche es Änderungen von Machtstrukturen und nicht ein anderes Mann-Sein. Denn diese Machtstrukturen seien es, die dafür sorgen, dass Frauen nach wie vor auf dem Weg nach oben sich an die gläsernen Decke den Kopf anrennen, während die Männer von der unsichtbaren Rolltreppe nach oben getragen werden. Deshalb sind für Lehner Frauenquoten genauso notwendig wie eine gendergerechte Sprache. Nur so sei einen Entwicklung hin zu einer gendergerechten Welt möglich.

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