Wir können einen Apfelstrudel backen, aber der Apfel kommt von Gott

Im Gespräch mit Dr. Karl-Heinz Steinmetz, Theologe und Spiritualitätsforscher

Lasslesberger: In Ihrem Seminar „Gott zwischen den Kochtöpfen“ geht es um die Spiritualität des Essens. Ist das alltägliche Essen etwas, dem man jetzt auch noch Spiritualität überstülpt? Oder ist es eine weitere Stufe des Kultes um das Essen, wie er in den Haubenlokalen zelebriert wird?
Steinmetz: Das klingt so, als ob Spiritualität etwas besonderes sei, ein eigener Bereich, der zum Alltag dazukommt – und fälschlicherweise wird Spiritualität heute vielfach so gesehen. Früher war Spiritualität selbstverständlicher Teil des Alltags, auch des Essens, wenn etwa die Bäuerin vorm Anschneiden des frischen Brotlaibs mit dem Messer drei Kreuze auf das Brot zeichnete.

Außerdem spielt Essen in allen Religionen eine zentrale Rolle. In der Bibel wird dauernd gegessen. Es beginnt mit dem Apfel im Paradies, der von Adam und Eva gegessen wird; das Buch Deuteronomium besteht hauptsächlich aus Speisevorschriften. Jesus hat immer wieder Mahl gehalten. Die Brotvermehrung und das letzte Abendmahl sind ja besonders hervorstechende Beispiele. Schließlich stehen Christen in der Hoffnung auf ein himmlisches Hochzeitsmahl.
Jesus ist aber kein Gourmet, es geht um einfaches Essen, nicht Kulinarik ist ihm wichtig, sondern das Mahl und die Mahlgemeinschaft, die Gastfreundschaft.

Lasslesberger: Geht es also mehr um Beziehungen als um Nahrungsaufnahme?
Steinmetz: Ja, und weil wir uns als Ebenbild Gottes sehen, ist beim Essen, beim Mahl Gott immer dabei. Es ist ein Trugschluss, zu denken, wir Menschen könnten Nahrung eigenmächtig hervorbringen. Wir haben die Ernährung nicht in Händen. Wir können einen Apfelstrudel backen, aber der Apfel, der kommt von Gott.

Lasslesberger: Im Zeitalter der industriellen Produktion von Lebensmitteln entsteht der Eindruck, als sei es nur eine Frage des Geldes und der Verteilung, um alle Menschen ausreichend zu versorgen.
Steinmetz: Es geht nicht ums Geld, es geht um soziale Kompetenz. In der Mahlgemeinschaft lernt man, miteinander zu teilen und aufeinander Rücksicht zu nehmen. Wenn sich jeder sein Essen zu anderen Zeiten aus dem Kühlschrank holt, entsteht keine Gemeinschaft.
Darüber hinaus ist Mahlgemeinschaft Fest und Freude, eine Dimension, die wir nicht so oft im kirchlichen Kontext wiederfinden. Schließlich ist miteinander Essen voraussetzungslos – jeder und jede kann mitessen

Lasslesberger: Was kann ich konkret erwarten, wenn ich zu Ihrem Seminar komme?
Steinmetz: Es erwartet Sie ein Mosaik von Anregungen für Ihr Essen, bis hin zu Kochrezepten. Wir werden vor dem besprochenen religionsgeschichtlichen Hintergrund auch auf unsere eigene Essenspraxis schauen: Wie esse ich, wann und mit wem, welche Rituale begleiten mich dabei? Dazu werde ich Anregungen geben, Gott zwischen den Kochtöpfen wiederzuentdecken.

Lasslesberger: Essen ist ja nicht nur Vergnügen, viele Menschen haben auch Probleme damit, weil sie zu viel essen oder sich einseitig ernähren. Gehen sie darauf auch in Ihrem Seminar ein?
Steinmetz: Natürlich bereitet Essen einfach viel Freude, es kann aber auch sehr kompliziert sein. Die Wüstenväter meinten, dass man aus dem Essverhalten eines Menschen auch sein Wesen erkennen könne.Das schnelle Hineinschlingen ist auch Ausdruck des Lebenshungers.
Deshalb werden wir uns im Seminar auch mit den gesundheitliche Aspekten auseinandersetzen. Ich bin aber kein Freund von Ernährungsvorschriften, schreibe niemanden vor, was er essen darf und was nicht. Ich lade die Menschen ein, für sich selbst Alternativen zu entdecken. Dabei gebe ich Empfehlungen auf Grundlage der Traditionellen Europäischen Medizin und werde die Vier-Elemente-Küche vorstellen. Wir werden dabei auch Gelegenheit haben, Rezepte kennenzulernen und etwas zu verkosten.

Karl-Heinz Steinmetz ist Privatdozent für Theologie an der Uni Wien. Er beschäftigt sich intensiv mit der „Traditionellen Europäischen Medizin“ (TEM) und ist Vorstandsmitglied der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin.

Unter dem Begriff „Traditionelle Europäische Medizin (TEM)“ werden traditionelle Behandlungsmethoden, die im europäischen Kulturraum entstanden sind, zusammengefasst. Dazu gehören unter anderem Naturheilkunde und Klostermedizin wie die Heilkunde der Hildegard von Bingen, Kneipp-Medizin und Homöopathie. Der Begriff ist nicht scharf umrissen, es geht mehr um eine Rückbesinnung auf europäisch-christliche Medizintraditionen in Ergänzung zu außereuropäischen Strömungen wie der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Im charisma-Seminar „Gott zwischen den Kochtöpfen lädt Karl-Heinz Steinmetz ein, die Spiritualität des Essens zu entdecken und Essen in einer neuen Dimension zu erleben.
Samstag 24. Oktober 2015, 9 – 17 Uhr
Bildungshaus St. Hippolyt, St. Pölten
Beitrag € 85.-
Info und Anmeldung: 02742/324 2357; charisma@kirche.at

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