Paulus und die milieu-sensible Pastoral

Eine Szene aus der Apostelgeschichte: Paulus, erfolglos in Kleinasien, wird nach Mazedonien gerufen. Wer ruft heute nach den Christen und ihrer Botschaft? – Und kann die Soziologie, konkret die Sinus-Milieu-Studie, helfen, Antworten auf diese Frage zu finden?

Weil in Jerusalem kein Auskommen mehr war mit Paulus, ist er losgezogen. Doch auch in Kleinasien ist er nicht gefragt, der heilige Geist „verwehrte ihm, das Wort zu verkünden“, wie es in der Apostelgeschichte heißt. Phrygien, Bithynien, und Mysien durchwandert er mit seinem Begleiter Silas, doch nirgendwo finden sie Gehör. Erfolglos an so vielen Orten, erreichen sie die Stadt Troas.

Auf den Spuren des Paulus in der Gegenwart
Im bibliodramatischen Nachspüren dieser Geschichte im Rahmen unserer Pfarrgemeindeklausur erscheint Troas als eine sehr heutige Stadt: Ein aufstrebendes Handels- und Wirtschaftszentrum, eine Stadt, die viele anlockt, die ihr Glück versuchen wollen, und die dort auf eine Haltung treffen, die sich als Toleranz und Urbanität ausgibt und doch nur Gleichgültigkeit ist. Und doch ist Troas für Paulus ein Wendepunkt: er hat eine Vision, ein Mazedonier erscheint ihm und bittet ihn: Komm zu uns und hilf uns.
Auch dieser Ruf des Mazedoniers wird im spielerischen Nachempfinden zu einem Ruf eines Menschen unserer Zeit. Es ist kein Hilfeschrei eines rettungssuchenden, existentiell gefährdeten Menschen, sondern eher ein verunsicherter, fragender Ruf. Die anderen SpielerInnen in diesem Bibliodrama, die MazedonierInnen verkörpern, verstärken diesen Eindruck. Neugierig sind sie schon, auch interessiert, und von der Botschaft haben sie auch schon einmal gehört, da wollen sich mehr wissen. Aber hilfsbedürftig wirken sie nicht.

Pfarre nicht mehr gefragt?
Nach der Spielsequenz besprechen wir in kleiner Gruppe die Situation der Mazedonier nach. Wir überlegen, wonach die Mazedonier eigentlich rufen, und ob wir da als Pfarre gefragt sind. Wir versuchen, uns in ihre Lage zu versetzen und spüren das diffuse Unbehagen an der Entwicklung unserer Gesellschaft, die Zweifel am Wachstumsmodell. Es gibt viel Unsicherheit und große Vorsicht, weil die Menschen gelernt haben, dass man den (Werbe-)Botschaften nicht trauen darf. Zudem sind die Rufer eingewoben in ihr tatsächlich recht komfortables Leben, das sie auch nicht so gerne aufgeben möchten. Das ganze bejammernswerte Elend der Welt spielt sich ja hauptsächlich auf den Bildschirmen ab, die zu den Fenstern in die Welt geworden sind.
Und auch wenn ihre Rufe tatsächlich Hilferufe sind, wir hören keinen, der nach uns als Pfarre ruft, der die Kirche um Antworten fragt. Bald dreht sich das Gespräch wieder um uns und unsere Situation in der Pfarre. So kommen wir wieder einmal ins Jammern darüber, dass wir keinen Zuwachs haben, der Nachwuchs ausbleibt. Wir sind begeistert von unseren schön gestalteten und gut vorbereiteten Gottesdiensten und können nicht verstehen, dass unsere Gruppe immer kleiner wird.

Milieugerecht – die Lösung aller Probleme?
Ein paar Tage nach der Klausur sprechen wir in anderer Runde über die Sinus-Milieu-Studie, die die Diözesen gemeinsam angekauft haben. Wäre das nicht ein Werkzeug, mit dem wir verstehen, wie die Mazedonier ticken? Noch dazu ein sehr verlockendes: so bildhaft, so detailreich, wie die einzelnen Milieus geschildert sind. Wenn man sich damit intensiv auseinandersetzt, dann könnte man doch maßgeschneiderte Angebote für bestimmte Milieus machen. Aber was wäre dann – die Hoffnung, dass dann auch der eine oder die andere aus diesem fremden Milieu hängen bliebe, jeden Sonntag um 9 Uhr zur Messe käme? Und die man dann gleich bitten könnte, beim Pfarrkaffeeteam einzusteigen und bei der Caritas-Haussammlung?
Zuhören und zusammen leben
Zurück zu unserer Klausur und zum Bibliodrama. Denn dort wird noch eine entscheidende Frage gestellt: Welche Botschaft Paulus den Mazedoniern denn bringen werde, fragt der Spielleiter unseren Pfarrer, der die Figur des Paulus verkörpert. „Ich werde sofort hinfahren, sie haben mich ja gerufen. Und dann werde ich ihnen zuhören und mit ihnen leben. Dann werde ich schon erfahren, was sie brauchen.“
Natürlich können wir lange analysieren, was sich die Mazedonier denken, wenn sie uns zurufen „Komm herüber zu uns“. Die Sinus-Milieu-Studie ist dazu sicherlich ein gutes Werkzeug. Doch wir sollten uns keine falschen Hoffnungen machen. Wir werden auch mit „milieuspezifischen Angeboten“ nicht aus allen Menschen brave Katholiken machen. Vielmehr sollten wir uns an Paulus orientieren: er macht sich auf den Weg und hört einmal zu, was die brauchen, die ihn gerufen haben. Statt die Botschaft Jesu milieugerecht verkleidet zu verkünden, können wir sie leben, in dem wir auf die Menschen zugehen. Und das nicht in einer abstrakten Weise, in dem wir uns an sozialwissenschaftliche Typologien wie die „Bürgerliche Basis“ oder an die „Performer“ wenden, sondern an die konkreten, realen Menschen, mit denen wir das Leben teilen. Denn zuerst geht es um Beziehung, dann um die Botschaft. Oder besser: Beziehung ist die Botschaft.

Quellen:

Apostelgeschichte 16, 6-10
Durch Kleinasien bis Troas
6 Weil ihnen aber vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden, reisten sie durch Phrygien und das galatische Land.
7 Sie zogen an Mysien entlang und versuchten, Bithynien zu erreichen; doch auch das erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht.
8 So durchwanderten sie Mysien und kamen nach Troas hinab.
9 Dort hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!
10 Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden.

Sinus-Milieus
Die Sinus-Milieus sind eine von dem Markt- und Sozialforschungsunternehmen Sinus entwickelte und regelmäßig fortgeschriebene Zielgruppen-Typologie. Darin wird die Bevölkerung in 10 verschiedene Gruppen eingeteilt und beschrieben, wie diesen leben, welche Werte für sie wichtig sind und wie sie sich sozial unterscheiden und abgrenzen.
Die Österreich-Daten wurden von der katholischen Kirche erworben, um auf dieser Grundlage einer „milieu-sensible“ Pastoral zu entwickeln. Mehr dazu:
http://www.erzdioezese-wien.at/pages/inst/23426857

 

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