Vom Glück, von der Erschöpfung und von der Bildung

Bildung, die den Menschen in seiner spirituellen Dimension erfasst, ist mehr als Erholung für erschöpfte GlücksjägerInnen. Sie ermöglicht einen Ausstieg aus dem Kreislauf von überzogenen Ansprüchen und Selbstüberforderung.
Jahrzehntelang herrschte Glücksjägerstimmung im Lande: Wir sind auf der Welt, um glücklich zu werden, und den Weg zum Glück muss jeder und jede selber finden- jeder ist seines Glückes Schmied. Als einzigartige und unverwechselbare Individuen sind wir gefordert, unseren je eigenen, unverwechselbaren Weg zum Glück zu finden. In unserer Wettbewerbsgesellschaft geschieht diese Suche unter Wettkampfbedingungen: Sieger ist, wer das Glück als erster erreicht, oder der, dessen Glück am größten ist. Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf den Sieger – the winner takes it all – und der wird zum leuchtenden Vorbild: Du kannst Sieger sein, wenn du nur willst und hart arbeitest.

Glückssuche als Anleitung zum Unglücklichsein
Doch nun dämmert die Erkenntnis, dass der Anspruch, sich auf je eigene Weise selbst zu verwirklichen und so ein glückliches Leben zu führen, für viele eine heillose Selbstüberforderung und eine Anleitung zum Unglücklichsein ist. Der Grazer Soziologe Manfred Prisching spricht von einem „falschen Exzellenzmodell“ als ein Modell von Reichtum, Karriere und Konsum, an dessen Erreichung fast alle scheitern müssen. Wenn die Ansprüche auf individuelles, aus eigener Kraft erreichbares Glück so überzogen und grenzenlos sind, dann ist die Selbstüberforderung und die Enttäuschung ebenfalls enorm. „Der Depressive ist erschöpft von der Anstrengung, er selbst werden zu müssen“, sagt Alain Ehrenberg. Es ist nicht verwunderlich, dass „Erschöpfung“ derzeit das Schlagwort vieler Tagungen und Vorträge ist.

Bildung – Qualifikation ohne Nutzen?
Auch die Bildung wurde und wird in den Dienst der Glückssuche gestellt. Die Menschen haben auch dafür längst die Höchststrafe ausgefasst, „lebenslänglich“ sind sie zum Lernen verurteilt, und müssen sich das Hirn anfüllen mit Wissen, das heute notwendig ist, um unsere technisierte Alltagswelt zu bewältigen, und das morgen schon wieder überholt ist. Das Ziel ist klar: fit werden und fit bleiben für den Arbeits- und Freizeitmarkt. Abschlüsse, Diplome und Zertifikate werden gesammelt für das Briefmarkenalbum namens Lebenslauf. So wird noch dieser Lehrgang, jene Ausbildung hinein gequetscht in den ohnehin überfüllten Lebens-Zeitplan, obwohl die damit verbundenen Versprechen nicht mehr eingelöst werden: die erworbenen Qualifikationen können immer öfter weder im Beruf noch in der Freizeit eingesetzt werden. Der FH-Abschluss hilft beim Taxi fahren wenig und die Ausbildung in gewaltfreier Kommunikation rettet die verfahrene Beziehung auch nicht mehr.

Schmerzlich für das Ego, entlastend für das Selbst
Aus diesem Kreislauf von überzogenen Erwartungen, Überforderung und  Enttäuschung auszusteigen, ist nur dann möglich, wenn die Ansprüche verändert werden. Aber zu fragen, wann es den genug sei  mit all dem Bemühen um das große Glück, stellt unser ganzes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell in Frage. Das Auto, das Handy, die Wohnung, das Monatseinkommen, das darf einfach nicht genug sein, wer würde dann ein neues Handy, Auto usw. kaufen? Wachstumsmärkte sind gefragt, und stagnieren oder gar schrumpfen, das bedeutet Krise.
Aussteigen aus dem Hamsterrad können wir nur dann, wenn wir uns eingestehen, wie maßlos und übertrieben dieser Anspruch auf Glück, den wir alle so verinnerlicht haben, im Grunde ist. „Glaub ans Glück“, heißt der Werbespruch einer Lotteriegesellschaft. Abgesehen davon, dass Glück sehr trivial mit viel Geld gleichgesetzt wird, enthält die Botschaft eine wichtige Erkenntnis: das Glück (des Lotteriegewinnes) kann man nicht aus eigener Kraft erreichen: Man kann nur ein Los kaufen und an das Glück glauben. Glauben heißt dabei, wider besseres Wissen zu handeln – nämlich ein Los zu kaufen, obwohl die Chance zu gewinnen minimal ist.
Die Erkenntnis, dass wir nicht alles aus eigener Kraft erreichen können, selbst wenn wir Tag und Nacht daran arbeiten, ist zwar schmerzlich für das Ego, aber ungeheuer entlastend für das Selbst. Der Mensch kann säen und gießen, das Wachsen aber liegt nicht in seiner Hand, es liegt in Gottes Hand, schreibt sinngemäß Paulus an die Christengemeinde in Korinth (1 Kor 3, 6-9).

Bildung ist Aussaat, nicht Ernte
Entlastend ist es, zu erkennen, dass wir genug getan haben, wenn wir gesät haben, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn wir an den Halmen ziehen. Das bedeutet auch, dass wir auf das, was da ist, mit Zufriedenheit und Dankbarkeit schauen können und das, was aufgeht und wächst, ein Geschenk ist und nicht der uns zustehende und ohnehin immer als zu gering empfundene Lohn für unsere Bemühungen.
Bildung, die zu Herzen geht, die sich an den Menschen als spirituelles Wesen richtet, kann sich an diesem Bild orientieren: dass auch Bildung ein Aussäen ist, ein Schaffen von  Voraussetzungen, die das Wachsen ermöglichen, aber auch zur Erkenntnis führt, dass dieses Wachstum nicht machbar und abrufbar ist, dass es nicht in unserer Hand liegt. So kann Bildung mehr sein als Reha für erschöpfte GlücksjägerInnen.

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