Pfarrgemeinde – ein Auslaufmodell?

Der Abgesang auf die Pfarrgemeinden ist von machen Pastoraltheologen längst eingeläutet – doch statt realistischer Alternativen gibt es nur vages professorales Wunschdenken. Sinnvoller wäre es, die noch immer vorhandenen Stärken der Gemeinden zu erkennen und als pastorale Orte zu stärken.Pfarrgemeinden stehen unter Druck – sie kreisen nur um sich selbst und sprechen immer weniger Milieus an, stellt die Pastoraltheologin Hildegard Wustmans fest. Sie weist darauf hin, dass die Zahl der Aktiven zurückgehe, dass mit den Angeboten kaum mehr neue Leute angesprochen werden, und dass das Modell der Pfarrfamilie in einer Zeit ausgedient habe, in der ja auch Familie in der traditionellen Form immer weniger Bedeutung habe.

Tatsächlich wird die Situation der Pfarrgemeinden nicht leichter. Vor allem fehlt der Nachwuchs, viele Gemeinden sind überaltert. Die Generation, die die Pfarrgemeinden in der heutigen Form aufgebaut hat, ist jetzt um die sechzig. Schon bei der nächsten Generation wird die Beteiligung geringer. Kinder werden in manchen Pfarren eher über die Großeltern erreicht, als über die Eltern, die zwar selbst noch in der Kirche sind, aber sich nicht am Gemeindeleben beteiligen und auch die Gottesdienste nicht oder nur sehr selten besuchen. Viele engagierte Katholikinnen und Katholiken erleben es schmerzlich, dass ihre Kinder, die in der Pfarrgemeinde als Sternsinger und MinistrantInnen aufgewachsen sind, von der Kirche austreten, wenn sie die erste Zahlungsaufforderung von der Kirchenbeitragsstelle erhalten, und nicht wenige zahlen den Beitrag der erwachsenen und längst selbst verdienenden Kinder, um sich deren Austritt zu ersparen.

Probleme gibt es also genug – doch die Schlussfolgerungen und Lösungsansätze, die Hildegard Wustmans und manche ihre KollegInnen daraus ziehen, klingen reichlich theoretisch. Pfarren, so meint sie, müssten sich habituell verändern, müssten zu Netzwerken werden und so neue Chancen anbieten als „Verweisungsagenturen“ auf „andere pastorale Orte als naher und identifizierbarer (liturgischer) Ort von Kirche“. Doch wo finden sich solche pastoralen Orte, wenn nicht in den Pfarren? Und wer organisiert sie? Am gerne zitierte Beispiel der „Langen Nacht der Kirche“ zeigt es sich ganz deutlich: es ist die Pfarrgemeinde, es sind die engagierten Laien, die dieses Event durch ihre ehrenamtliche Arbeit ermöglichen. Die Pfarrgemeinde als Verweisungsagentur auf sich selbst?

Ähnlich klingt es bei Rainer Bucher, der davon spricht, dass „die Gemeinde nicht „Ernstfall von Kirche“ ist. Den Ernstfall der Kirche beschreibt Bucher dann als „alltägliche Konfrontation von Evangelium und Existenz heute und Einsatz für Gerechtigkeit, in Liturgie und Seelsorge.“ Der Ausdruck „Ernstfall“ erinnert fatal an eine andere Organisation in der Krise – an das österreichische Bundesheer, in dem – zumindest früher – für den „Ernstfall“ geprobt wurde. Doch wer die Pfarrfamilie als geschützte Werkstätte für den Ernstfall des Glaubens betrachtet, der sich irgendwo draußen in der Welt außerhalb dieser „privilegierten Sozialform“ abspiele, der verkennt die Realität von Pfarre ebenso wie die Realität von Familie. Pfarrgemeinde ist erster Ort der Pastoral, denn dort sind die Menschen, die bei aller Unzulänglichkeit versuchen, die Botschaft des Evangeliums zu leben.

Die Probleme, vor denen die Pfarrgemeinden heute stehen, sind nicht wegzudiskutieren. Natürlich werden sich Pfarrgemeinden verändern müssen. Sie werden sich zusammenschließen oder zumindest mit der Nachbarpfarre kooperieren, sie werden lernen, ohne Pfarrer auszukommen und sie werden ihre Nachwuchsprobleme nicht so leicht lösen können. Aber die Kirche deswegen nicht mehr in der Pfarre, sondern in einem vagen Anderswo zu verorten, ist nicht mehr als eine Illusion. Eine Illusion, weil es kirchlicherseits weit und breit niemanden gibt, der bereit ist, diese Orte der Pastoral jenseits der Pfarre zu definieren und aufzusuchen.Und eine Illusion, die auch unterschlägt, was die Pfarrgemeinden in den letzten Jahrzehnten geleistet haben: sie haben es vielerorts geschafft, eine Brücke zu schlagen zwischen der immer stärker säkularisierten, an Religion immer weniger interessierten Gesellschaft und einer immer stärker rückwärtsgewandten, an den konkreten Hoffnungen und Nöten der Menschen in dieser säkularen Welt immer weniger interessierten Kirchenleitung.

Deshalb wäre es lohnender und zielführender, sich mit der Stärkung und Weiterentwicklung der Pfarrgemeinden zu beschäftigen. Aber da müsst man womöglich auch konkret werden!

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Ein Gedanke zu „Pfarrgemeinde – ein Auslaufmodell?

  1. Mag. Anton Merli

    Ganz gleich ob Pfarre oder Sondergemeinschaft, entscheidend wird eine breite Glaubenserneuerung sein. Diese weltweit oder wenigstens diözesanweit offensiv zu beginnen in Form von Glaubenskursen, wäre ein konkreter Anfang von Erneuerung.
    Gruß! M.

    Antwort

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